Aus unserer Pfarrei „Sankt Matthias Nieder-Roden“ sind seit vielen Generationen, über die Jahrhunderte Pilger zum Heiligen Blut nach Walldürn unterwegs. Eine zeitliche Eingrenzung ist sehr schwierig. Vermutlich könnte die Pilgerschaft zum Heiligen Blut von der Obrigkeit vor unserer Zeit angeregt worden sein. Schließlich gehörte Walldürn bis zu der Säkularisation zum Erzbistum Mainz, und die adeligen Burgherren von „Thürn“ sollen Besitzungen in unserer Gegend gehabt und Hoheitsrechte ausgeübt haben.
Von daher kann angenommen werden, dass auch aus wirtschaftlichem Erwägen die Walldürnwallfahrt forciert worden ist. Jedenfalls kommen auch seit alters her Walldürner Händler nach Nieder-Roden, um beim Jahrmarkt zum Kirchweihfest ihre in Walldürn hergestellten Lebkuchenherzen, Magenbrot und Kunstblumen feilzubieten. So gesehen wäre die Verbindung mit Walldürn wegweisend für spätere Städtepartnerschaften gewesen.
Wie viele Pilger sich alljährlich auf den Weg nach Walldürn begaben ist nicht bekannt. Wohl aber, dass sich der Traditionstermin, das Wochenende nach dem Dreifaltigkeitssonntag, bis in unsere Zeit halten konnte, wenn zeitweise auch nur 2 oder 3 Damen die Tradition aufrechterhielten. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich in Nieder-Roden: Franziska Reichenbach, Helene Weiland, Wilhelm und Josef Schäfer mit ihrem großen, persönlichen und organisatorischen Einsatz für die Wallfahrt, die teilweise zu Fuß, mit Bus, Bahn und Fähre erfolgte, Zeichen gesetzt. Nicht unerwähnt dürfen hier die sogenannten Buswallfahrten bleiben, die zunächst von Katharina Koser und später von Elisabeth Werner organisiert wurden, so dass oftmals über 100 Pilger aus Nieder-Roden in Walldürn waren.
Als ältester Nachweis der hiesigen Wallfahrt gilt die in Stein gemeißelte Inschrift auf dem Grabstein, der eine würdige Bleibe an der Dreifaltigkeitskapelle am Friedhof an der Römerstraße (Babenhäuser Weg) finden soll. Diese Inschrift besagt, dass Anno 1705, den 17. Juni, die ehrsame Frau Anna Weiland aus Nieder-Roden in Miltenberg gestorben ist, nachdem sie in „Wallthüren“ ihre Andacht verrichtet hat. Anna Weiland ist wohl die Urahne der meisten alteingesessenen Einwohner Nieder-Rodens.
Erst seit 1983 hat sich eine Tradition der Zu-Fuß-Pilgerschaft nach Walldürn neu gebildet. Nach der Fronleichnamsprozession gehen Pilger über Babenhausen, Schaafheim, Wenigumstadt, Mömlingen, Eisenbach, Wörth am Main, Klingenberg und Großheubach zum Kloster Engelberg und von dort über Miltenberg, Wenschdorf, Gottersdorf und Gerolzahn nach Walldürn. Diese Weggemeinschaften haben bisher 95 Pilger, darunter vier geistliche Begleiter erfahren dürfen. Einige Pilger waren schon mehr als 30-mal pilgernd in Walldürn, ohne eine Ehrung dafür gewollt oder erhalten zu haben. Man ist prinzipiell wegen Pilgergemeinschaft unterwegs und erfährt dabei oft, dass auch andere der Wegbegleitung bedürfen. Aber man pilgert auch um der Ehre Gottes willen: „Gloria in excelsis Deo“ oder an J. S. Bach angelehnt: „Soli Deo Gloria.“
In der Nachbargemeinde Ober-Roden hat man den oben erwähnten Gedenkstein vom Pilgertod der Frau Anna Weyland aus Nieder-Roden zum Anlass genommen ein 300-jähriges Wallfahrtsjubiläum zu feiern. Die beiden Pilgergruppen „Sankt Nazarius Ober-Roden und Sankt Mattias Nieder-Roden“ haben im Jahre 2012 gemeinschaftlich einen Bildstock in Miltenberg errichten lassen, der die gleiche Inschrift des stark verwitterten Grabsteines wiedergibt.
Es ist nun beabsichtigt, dass zusammen mit dem Heimatverein von Nieder-Roden und der Stadt Rodgau der stark verwitterte Grabstein an der Dreifaltigkeitskapelle, die mit dieser Maßnahme einer entsprechenden Renovierung unterzogen werden soll, eine würdige Bleibe finden wird. Es ist auch geplant, den alten Bildstock von der Dreifaltigkeit aufarbeiten zu lassen, um ihn in der renovierten Kapelle aufzurichten.







